Pneumothoraxbehandlung in China

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xiaobolin
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Pneumothoraxbehandlung in China

Beitragvon xiaobolin » Montag 21. März 2016, 08:47

Hallo liebe Leidensgenossen,

ich habe in den letzten Tagen etliche Pneumothorax-Erfahrungsberichte in deutschsprachigen Foren gelesen und bin zum Teil auf echte Horrorgeschichten gestoßen. Ich selbst habe auch vor ein paar Wochen einen Spontanpneumothorax erlitten, mit der Besonderheit,dass ich zurzeit in China bin. Ich habe Chinesisch studiert mal eine Zeit lang hier gelebt und bin jedes Jahr immer mal wieder zu Besuch in Shanghai und Xi'an. Jetzt wollte ich kurz berichten wie der Pneumothorax hier gehandhabt wurde.

Ich bin 29, 1,84m, 78kg und treibe regelmäßig Sport. Eines morgens in der Wohnung meiner Freundin in Shanghai wache ich auf mit einem sehr schmerzhaften Stechen in der Brust. Ich dachte sofort an einen Herzinfarkt woraufhin meine Freundin mir einen Vogel gezeigt hat. Um mich zu beruhigen sind wir dann doch ins örtliche Krankenhaus gelaufen weil die Schmerzen nicht nachließen. Die Ärztin Vorort stellte folgende Diagnose: Brustmuskelzerrung... Klang einleuchtend denn ich hatte ja am Abend davor trainiert. Ich war zunächst erleichtert doch als der Schmerz nach 3 Tagen nur bedingt nachließ machte ich mir Sorgen. Wir hatten an jenem Tag aber keine Zeit für eine weitere Untersuchung da wir uns mitten im Umzug befanden und mit dem Zug nach Xi'an fahren mussten. Im Krankenhaus in Xi'an nahm man die Sache ernster. Zumindest hat man mich mal zum röntgen geschickt und nachdem der Arzt das Bild in die Hand nahm dauerte es keine Sekunde bis er diese erschreckenden Worte sagte: "Qi Xiong" ("Luftbrust", Chinesisch ist eine sehr bildliche Sprache) "Fei po le" (Lunge geplatzt). Ich konnte es kaum fassen. Sofort begleitete er mich in ein Behandlungszimmer, das komplett überbelegt war und ich bekam eine Drainage mit örtlicher Betäubung. Da in der Lungenklinik kein Platz mehr für mich war, musste ich 2 Tage lang in der Kardiologie fleißig die Luft aus meiner Brust husten. Mein linker Lungenflügel war in sich zusammengefallen und hatte nur noch 18% seiner ursprünglichen Größe. Es galt ihn auf 60% 70% wieder "hochzuhusten", was unglaublich wehtat, um dann operiert zu werden.

Im Krankenhaus selbst war ich eine wahre Attraktion. Der einzige Ausländer weit und breit... blond, blauäugig, groß (für chinesische Verhältnisse) und chinesisch spricht er auch noch. Ich wurde von allen neugierig mit Fragen durchlöchert und ein obligatorisches Foto musste auch sein. So habe ich mich auf dutzenden Familienalben verewigt.

Am Tag der OP war ich super nervös. Mein Oberkörper wurde von einer vollkommen überforderten jungen Krankenschwester rasiert. Diese hat mir versichert, dass sie noch nie so viele Haare gesehen hat...zu meiner Verteidigung: Ich bin wenn überhaupt minimal behaart. Was kann ich dafür wenn Chinesen alle glatt wie die Aale auf die Welt flutschen. Zwei Rasierklingen und einen Einlauf später ging es dann vom 18. Stock runter in den 5. zur OP. Man setzte mich in ein Wartezimmer, wo ich gemeinsam mit den anderen Kandidaten darauf wartete aufgerufen zu werden. Die Stimmung war bedrückt und ich hatte zugegebenermaßen Schiss. Endlich kam ich dran. Alle Ärzte waren total begeistert mal an einem Ausländer herumzuschnippeln und lenkten mich mit etlichen Fragen darüber wo ich herkomme und wie die Krankenhäuser dort so sind ab. Als ich aus der Narkose aufwachte wurde ich informiert, dass die OP erfolgreich war. Ich wurde auf die Station gebracht und eine junge Ärztin zeigte mir ganz begeistert eine Fotostrecke von meiner OP, die sie auf ihrem Handy festgehalten hatte. Wir wurden WeChat-Freunde (das chinesische Wahtsapp) und sie versicherte mir, ich hätte die sauberste Lunge, die sie je gesehen habe (Xi'an hat ein starkes Smog-Problem außerdem rauchen alle chinesischen Männer wie die Schornsteine)...zu dem Zeitpunkt war mir das alles relativ egal, ich wusste ja nicht einmal so richtig wo ich denn überhaupt bin. Die nächsten 3 Tage verbrachte ich auf einer Station für Patienten, die besondere Aufmerksamkeit brauchen. Es gab immer eine Krankenschwester Vorort die sich um mich und 6 weitere Patienten, die durchaus ernstere gesundheitliche Probleme hatten als ich, 24h am Tag kümmerte.

Hierzu muss ich erwähnen: Ein Hoch auf die chinesischen Krankenschwestern (ja, es waren alles Frauen). Ich hatte stets das Gefühl in guten Händen zu sein. Jeder Handgriff hat gesessen, es herrschte Disziplin, es wurde nicht herumgequatscht und es gab keine Pausen denn das Krankenhaus war chronisch überfüllt. 4 Tage lang hatte ich einen fingerdicken Schlauch im Brustkorb und einen kleinen Behälter in den alles ablief. Ich wurde aufgefordert mich trotz der Schmerzen zum Husten zu zwingen damit die Luft endgültig aus meiner Brust entweicht. Ein Arzt zeigte sich beim Anblick meines gequälten Hustens gnädig und gab mir einen Luftballon zum aufblasen. Das funktionierte super und war weniger Schmerzhaft als die dämliche Husterei. Ich lief täglich mit meinem "Lungensaftbehälter" auf der Station herum um mir die Beine zu vertreten und um von den elenden Keuchgeräuschen meiner Mitbewohner zu entkommen. Ich sah wie all die angehörigen der Patienten im Flur und im Wartesaal vor der Station auf dem Boden auf selbst mitgebrachten Isomatten oder sitzend auf den Bänken schliefen. Mir fiel auf, dass so gut wie jeder Patient 24h lang von einem Angehörigen begleitet wurde. Niemand war dort allein. Es war wirklich schön mit anzusehen denn auf den Straßen Chinas kommt einem dieses sonderbare Volk manchmal echt kalt und eigensinnig vor. Aber Familie geht eben über alles.

Vor drei Tagen wurde ich entlassen und mir geht es echt gut. Ich war heute morgen noch einmal da um eine Naht zu ziehen und der Arzt versicherte mir, dass alles nach Plan verlaufe. Das tief einatmen fällt mir noch etwas schwer und Schluckauf und Aufstoßen tun verdammt weh aber das wird sich auch bald wieder legen. Da bin ich ganz zuversichtlich. In 4 Tagen werden die letzten Fäden gezogen und es wird noch mal eine Nachuntersuchung geben, danach bin ich befreit.

Der ganze Spaß hat mich um einige Erfahrungen bereichert und um 35000 RMB (knapp 5000 EUR) erleichtert. Das Rauchen hatte ich eh schon vor ein paar Monaten aufgegeben als ich herausfand, dass ich bald Papa werde. Jetzt habe ich noch einen weiteren Grund das zu lassen. Obwohl ich zunächst meine Zweifel hatte in einem chinesischen Krankenhaus operiert zu werden, bereue ich meine Entscheidung nicht. Die Chirurgen hier haben so viel Erfahrung (vor allem mit Lungenkrankheiten) wie sonst woanders wohl kaum einer. Die Ärzte und Krankenschwestern waren super professionell und freundlich und die Neugier der anderen Patienten sorgte dafür, dass keine Langeweile aufkam. Nichtsdestotrotz, toitoitoi, dass mir der Mist nicht noch ein mal passiert.

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