EB - Spontanpneumothorax auf Teneriffa

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Elvira
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EB - Spontanpneumothorax auf Teneriffa

Beitragvon Elvira » Donnerstag 5. Juli 2012, 17:22

Hallo Leute,

ich bin ganz neu in diesem Forum und möchte euch meine Geschichte erzählen, weil ich nun schon so lange ohne Rückfall bin, dass das bestimmt so manchen, der im Moment in einer akuten Situation ist, aufrichten kann.
Ich bin weiblich, 54 Jahre alt, 1,78 m groß und wiege heute 70 kg, damals wog ich noch 59 kg, und seit diesem "Erlebnis" Nichtraucherin.
Meine Geschichte liegt nun schon 17 Jahre zurück. Es war in 1995, ich war mit meinem Mann auf dem Weg in den Urlaub auf Teneriffa. Bereits im Flieger, in dem man damals noch rauchen konnte, war mir übel, ich hatte null Bock auf eine Zigarette, was für mich damals außergewöhnlich war, und lag den ganzen Flug nur mehr oder weniger apathisch in meinem Sessel. Nach der Landung wollte mein Mann undbedingt mit dem Leihwagen den kürzeren, aber wesentlich beschwerlicheren Weg über die Canadas, durchs Gebirge also, fahren; ich stimmte mehr als halbherzig zu. Auf dem ganzen Weg ins Hotel im Norden der Insel gings mir schlecht, ich schob das aber auf die Aufregung, Stress von der Arbeit usw..
Als ich am nächsten Morgen im Hotelbett aufwachte, streckte und reckte ich mich, und plötzlich gab es ein PLOPP, wirklich regelrecht ein Plopp, wie wenn innerlich ein Korken von einer Sektflasche ploppt, und ein messerscharfer Schmerz fuhr durch meine Brust. Ich versuchte mich zu beruhigen, es klein zu reden innerlich, blieb ruhig liegen, atmete ruhig durch, aber der Schmerz blieb bei jedem Atemzug. Nach einer Weile stand ich unter großen Schmerzen auf und ging mit meinem Mann zum Frühstück. So schleppte ich mich also hin, mir immer wieder einredend, dass ich mich bestimmt irgendwie verzerrt hatte, einen Hexenschuss bekommen, so was in der Art halt , aber der Schmerz blieb wie ein immerwährender stummer Begleiter in mir. Also bestellten wie an der Hotelrezeption eine Ärztin, eine Deutsche, die auch gleich aufs Zimmer kam. Die hatte auch gleich die gleichen Gedanken wie ich, nämlich dass es eine Verrenkung sein müsse, machte ein paar Turnübungen mit mir und beruhigte mich so. Ich schleppte mich also weiter, machte eher lustlos ein paarmal die sehr schmerzhaften Turnübungen und wurde immer müder und lustloser.
Eine Sache fiel mir auf: Immer, wenn wir mit dem Auto ins Gebirge fahren wollten, je höher wir kamen, desto mehr Atembeschwerden, also Luftnot, bekam ich, so dass ich meinen Mann bitten musste, umzukehren und wieder ins Tal zu fahren. Nach zwei Tagen ging ich zu einem Arzt in die Praxis in Puerto de la Cruz, der eine deutsche Sprechstundenhilfe hatte, der ich mich verständlich machen konnte. Der Arzt hörte mich ab, diagnostizierte eine Bronchitis und verschrieb mir Medikamente. Es wurde aber nicht besser, sondern kontinuierlich schlechter. Also ging ich zwei Tage später wieder zu diesem Arzt. Er höre mich wieder ab, bekam einen seltsamen Ausdruck ins Gesicht und schickte mich zum Röntgen in eine nah gelegene Poliklinik. Mit den Aufnahmen kehrten wir ins Hotel zurück, wo wir eine Stunde später mit dem Arzt verabredet waren. Als ich die Aufnahmen sah, wusste ich sofort, dass da etwas ganz Böses zu sehen sein musste. Als blutiger Laie konnte ich natürlich nichts genaues erkennen, aber da, wo mein linker Lungenflügel sein sollte, war NICHTS. Ich klebte die Fotos an die große Fensterscheibe zum Balkon und als der Arzt ins Zimmer kam und die Aufnahmen sah, bekam er große Augen. Sofort ins Krankenhaus, Sie haben einen Pneumothorax.
Zunächst war ich mal irgendwie erleichtert, dass es nun eine Diagnose gab, ich wusste ja nicht, was das bedeutet, ein Pneumothorax; dachte, dass ich nach ein paar Tagen wieder ins Hotel zurück kann und meinen Urlaub genießen.... Also mit dem Auto ins Universitätskrankenhaus St. Cruz in die Notaufnahme. Dort mussten wir erst einmal warten.... und warten.... und warten, bis ich es nicht mehr aushielt, die Röntgenaufnahmen schnappte und dieselben auf die Theke der Rezeption knallte, jetzt doch schon echt genervt. Als die Schwester die Aufnahmen sah, bekam sie sofort große Augen, machte auf dem Absatz kehrt und holte einen Arzt. Der holte, als er die Aufnahmen sah, gleich noch zwei andere Ärzte und eine Schwester, die englisch konnte. Die verklickerte mir, was jetzt geschehen sollte: Ich wurde auf eine Bahre gelegt, in einen Behandlungsraum gefahren und auf den Tisch gelegt, wo mir direkt nach einer örtlichen Betäubung eine Bülau-Drainage gelegt wurde. Von dem Bohren des Kanals für den Schlauch und dem Einführen des Schlauchs bekam ich nicht so viel mit dank der örtlichen Betäubung, aber sobald die Drainage an die Absaugung angeschlossen wurde hatte ich Schmerzen, die ich meinem ärgsten Feind nichit wünschen würde. Also ob jemand meine Lunge innerlich quetschen würde. Es war ein Albtraum, wie im Film. Endlich, nach mehreren Röntgengängen, kam ich auf mein Zimmer, wo die Drainage wieder direkt an eine Absaugung angeschlossen wurde und ich die Schmerzen kaum aushalten konnte. Man muss nämlich wissen, dass die Spanier medizinisch wirklich absolut auf unserem Stand sind, aber was das ganze menschliche, sprich Schmerzbekämpfung, psychische Stabilisierung usw. angeht, in den Kinderschuhen stecken. Auch die Arzt - Patienten - Beziehung ist noch wie bei uns vor 50 Jahren. Ich Gott-Arzt, du unwissender Patient. Ich wurde nicht wirklich aufgeklärt, was da wirklich passiert war, wie es nun weitergehen sollte, was wie wann und wo gemacht werden sollte. Die erwarteten von mir, dass ich brav liegenbleibe, keine Fragen stelle und überhaupt den Mund halte, da ich ja nur eine unwissende Frau bin. Jede Frage wurde wie ein Angriff auf die Kompetenz des Arztes gedeutet und dementsprechend abgewehrt. Ich kam mir so hilflos und klein vor,wie ein Kind. So lag ich also erst mal drei Wochen, immer abwartend, ob sich das verdammte Loch in meiner Lunge endlich schließt oder nicht. Ich war so zermürbt, dass ich nach 4 Wochen, als der Professor zu mir kam und mir unterbreitete, dass er eine Woche später in Urlaub gehen wollte, und ich jetzt noch eine Möglichkeit hätte, mich operieren zu lassen, dem Mann fast auf dem Arm gehüpft wäre und ihn fast abgeknutscht hätte vor Freude, dass ENDLICH etwas passieren sollte, das jenseits der blubbernden Bülau-Drainage und dem ewigen täglichen Einerlei lag. So gerne hat sich bestimmt selten ein Mensch unters Messer gelegt!
Dann war der große Tag gekommen: Morgens holte man mich ab, ich hatte die ganze Zeit die hier in Deutschland vor jeder OP gängige "Leck-mich-am-A...-Spritze" erwartet, fragte auch danach und erhielt die lapidare Antwort: Bei uns gibt es das nicht. Unsere Patienten machen sich beruhigende Gedanken, die brauchen so was nicht. Nun gut. Dann lag ich noch stocknüchtern auf einem dunklen kalten Gang vor dem OP-Bereich und wartete..... und wartete..... und wartete..... Endlich wurde ich in den OP gerollt, auf den OP-Tisch gehoben und erwartete nun die Narkose-Spritze. Aber weit gefehlt. Die wollten mir doch tatsächlich die fingerdicke Arteriennadel, die für die Blutkonserven usw. in die Hand stechen. Aber da wars mit meiner Beherrschung vorbei. Trotz aller Sprachbarrieren, von dem Team konnte keiner Englisch, nur Spanisch, machte ich in Sekundenschnelle klar, dass ich jetzt direkt von diesem OP-Tisch hüpfe, wenn ich nicht SOFORT meine Narkose kriege, und der Zugang erst gelegt wird, wenn ich schon hinüber bin. Die haben das sofort gerafft und mich in Schlaf versetzt.
Nun kommt aber noch etwas Gutes, das ich in keinem deutschen Krankenhaus jemals erlebt habe. Als ich nach der OP in dem Aufwachraum wieder zu mir kam, und vor Kälte und Angst und Verkrampfung Schüttelfrost hatte, wurde mir gleich eine gewärmte Decke übergeworfen. Das war toll. Der Professor kam auch gleich und erzählte mir mit Händen und Füßen, wie die Operation verlaufen wäre, dass alles gut sei. Ich war zwar wieder an die Drainage angeschlossen, aber von nun an gings rapide aufwärts. Nach drei Tagen konnte die Drainage gezogen werden, was nochmal ein schmerzhafter Akt war. Ich musste mich vornüberlehnen, um mich herum standen vier Sc hwestern, und dann auf Kommando tief ausatmen, während der Schlauch mit meinem Ausatmen ruckartig entfernt wurde. Das war nochmal ein heftiger, aber kurzer Schmerz, und danach war ich endlich befreit von dem Kasten.
Nach insgesamt 5 Wochen wurde ich aus dem Krankenhaus entlassen und flog ein paar Tage später nach Hause zurück. Ich war noch ganz schön schwach, wurde aber von meinem Lungenarzt in Deutschland gleich gesundgeschrieben, was ich damals schon nicht verstand, denn ich fühlte mich eigentlich noch nicht arbeitsfähig. Eine Woche später bekam ich eine Lungenentzündung, die aber mit Antibiotika sehr schnell wegging. Langsam kam ich wieder zu Kräften, hatte aber noch jahrelang immer wieder Schmerzen, konnte jahrelang nicht auf der betroffenen linken Seite liegen, auch nicht auf dem Bauch. Ganz langsam und allmählich wurde auch das besser, aber wie gesagt, das dauerte über Jahre.
Ich habe seit der Diagnose damals nie mehr eine einzige Zigarette angerührt, hatte auch niemals mehr auch nur das geringste Bedürfnis danach, begann Sport zu machen und ein gesünderes Leben zu führen, mehr auf mich zu achten. Meine Lungenfunktion ist immer noch eingeschränkt, das wird sich auch nicht mehr ändern, die Lunge ist einfach ein wenig überbläht, was sich in einer gewissen Kurzatmigkeit bei Belastung niederschlägt, aber ich kann gut damit leben, ohne große Einschränkungen.
In den ersten Jahren hatte ich immer Angst, dass mir das nochmal passieren könnte, bei jedem Flug, oder wenn ich mit der Seilbahn auf den 3400 m hohen Teide fuhr. Mittlerweile habe ich mich da auch stabilisiert und mache mich nicht mehr so verrückt mit der Angst.
Ich hoffe, mein Erfahrungsbericht kann ein paar Leuten helfen, der schrecklichen Sache auch etwas Positives abzugewinnen; ich jedenfalls habe das Beste aus diesem Desaster gemacht: ich habe aufgehört zu rauchen, was ich vorher nie geschafft hatte, und angefangen, ein gesünderes und bewussteres Leben zu führen.

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Re: EB - Spontanpneumothorax auf Teneriffa

Beitragvon Laser » Donnerstag 5. Juli 2012, 21:03

Hallo Elvira,

willkommen im Forum.

Eine unglaubliche unschöne Geschichte ist dir da passiert dem man niemanden wünscht. Es ist generell denke ich ziemlich schwierig in ein fremdes Land ins Krankenhaus zu müssen.
Es ist auch immer wieder meine Angst wenn ich ins Ausland fahre, vorallem wenn man in Ländern fährt die ein niedrigeren Gesundheitsstandard als Deutschland haben, das etwas passiert und man da ins Krankenhaus muss.

Ich will da auch nicht so viel wieder aufgreifen aber zwei Sachen sind mir aufgefallen. Du hattest geschrieben das sie im Krankenhaus nachdem drei Ärzte bei dir waren sie noch eine Schwester gerufen haben die Englisch konnte, konnten den die Ärzte kein Englisch? Es war ja schließlich ein Universitätsklinikum.

Die zweite Sache dir mir noch aufgefallen ist, war das du sagtest der Professor kam zu dir um dir mitzuteilen das es die letzte Chance zur OP wäre weil er dann im Urlaub fährt. Gab es den da sonst kein anderen Arzt der diese Operation hätte durchführen können? Ein Oberarzt, leitender Oberarzt.

Wünsche dir weiterhin Gute Besserung und Alles Gute.
Viele Grüße

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Re: EB - Spontanpneumothorax auf Teneriffa

Beitragvon Elvira » Freitag 6. Juli 2012, 12:40

Hallo,

danke für dein Mitgefühl, war wirklich nicht schön alles.
Zu deinen Fragen: Es konnte wirklich dort niemand Englisch außer dieser Krankenschwester, jedenfalls haben die Ärzte nur spanisch mit mir "radegebrecht". Und der Professor war wohl nicht der einzige, aber der beste Operateur dort und hatte wohl dann doch so was wie Mitgefühl für mich, nachdem ich schon so lange dort gelegen habe, nämlich bis dahin 3 Wochen. Hier hätten die Ärzte wohl mit dem Eingriff gar nicht so lange gewartet, wie ich aus den Erlebnisberichten von Leuten, denen das hier passiert ist, entnommen habe. Da wurde ja schon nach 3, 4 Tagen operiert.

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Re: EB - Spontanpneumothorax auf Teneriffa

Beitragvon Laser » Freitag 6. Juli 2012, 16:55

Hallo Elvira,

schon ziemlich schlecht das die Ärzte kein Englisch konnten. Es war ja schließlich ein Universitätsklinikum, eine Aufgabe der Uniklinik ist die Forschung, um zu forschen muss man aber auch etwas Englisch können weil die meistens Studien/neuen Erkenntnisse werden in englischer Sprache in den Fachzeitschriften/Online-Fachseiten veröffentlicht. Zusätzlich wird auch auf internationalen Kongresse Englisch gesprochen, denke ich.
Man erwartet nicht das sie perfektes Oxford Englisch sprechen aber ich denke es sollte doch möglich sein kurz und bündig das legen einer Drainage (bzw. kurz tz erklären was ein Spontanpneu ist) zu erklären.

Aber naja zum Glück ist alles gut gelaufen. Alles Gute weiterhin.


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