Seite 1 von 1

Meine Erfahrung mit dem Spannungspneumothorax

Verfasst: Freitag 6. Juli 2012, 13:35
von Absinth
Hallo erstmal,

ich habe mich extra angemeldet um euch meine Geschichte vorzustellen. Ich habe damals viel in diesem Forum gelesen und darum beschlossen, jetzt, nach fast 2 Jahren wieder einmal vorbeizuschauen und meine Erlebnisse vorzustellen. Ich war damals 25, 1.72m groß, 70 kg schwer und kein Raucher. Also eigentlich genau der Anti Pneu Typ.

Meinen Pneu hatte ich im September 2010. Ich saß Abends um 20:30 Uhr am Schreibtisch und verspürte plötzlich einen sehr starken Schmerz im Rippenbogen, ähnlich wie man ihn bei einem eingeklemmten Zwerchfell hat, nur stärker. Zusätzlich kamen noch starke Rückenschmerzen zwischen den Schulterblättern hinzu und der komplette rechte Arm wurde taub.

Ich dachte natürlich an einen "eingezwickten Nerv" und arbeitete weiter. Die Schmerzen gingen nicht weg und ich versuchte es daher mit Bewegung. Klimmzüge, Liegestützen und Kniebeugen halfen ein wenig und ich dachte die Sache hätte sich damit erledigt. Gut gelaunt machte ich mir ein Abendessen und wollte mir noch ein Bier holen. Ich konnte mir allerdings keinen Reim darauf machen, warum ich nach dem Treppensteigen stärker schnaufen musste als sonst. Später, so gegen 0:30 Uhr, wurden meine Hände eiskalt und ich wollte sie in einem Wasserbecken wärmen. Plötzlich sakten mir dabei die Beinde weg und ich fand mich auf dem Badboden wieder. Der Versuch aufzustehen ging gehörig in die Hose und ich krabbelte auf allen Vieren zum Bett . Auf einmal wurde es mir recht komisch, mein Herz begann zu rasen und der Herzschlag wurde immer flacher. Mir wurde extrem schwindelig, alles verschwamm vor den Augen. Nach vllt. einer Minute war der Spuk vorbei. Sorglos wie ich war, machte ich mir selbst danach noch keine großen Gedanken und dachte, es käme von den Schmerzen. Um 2:30 begann das gleiche Spiel noch einmal von vorne, nur dass die Auswirkungen noch drastischer waren. Ich klappte wieder zusammen, konnte nichts mehr scharf sehen, meinen Puls nicht mehr fühlen, mich kaum mehr bewegen oder atmen und ab da bekam ich richtig Angst meine Frau nie wiederzusehen (sie war zu dem Zeitpunkt nicht zu Hause). Alles wurde dumpf, ich wurde seltsamerweise ruhig und auf einmal war ich weg. Genauer kann ichs ned beschreiben, ich weis es nicht mehr. Genauso schlagartig setzt meine Erinnerung aber wieder ein und ich seh mich heut noch auf dem Bett liegen. Nach dem Erlebniss hab ich nicht etwa den Rettungswagen gerufen wie wahrscheinlich jeder normale andere Mensch, sondern ich hab versucht zu schlafen :D Hat aber nicht funktioniert, weil ich im Liegen vor lauter Schmerzen nicht entspannt atmen konnte. Also hab ich um 3 dann doch noch den Rettungswagen geholt.
Naja, das Ende vom Lied war eine kollabierte Lunge rechts plus Spannungspneu. Die Ärtzin meinte, dass ich den Sonnenaufgang mit Sicherheit nicht mehr miterlebt hätte. Unter örtlicher Beteubung wurde der Schlauch gelegt und nach 2 Wochen warten (Lunge viel immer wieder beim Abklemmen zusammen) wurde ich schließlich operiert. Pleurektomie und Entfernung der Lungenspitze. Im Nachhinein bin ich heilfroh operiert worden zu sein, weil es mir durch die geringe Rückfallquote Sicherheit gegeben hat.

Das schlimmste nach der OP sind wahrscheinlich nicht die Schmerzen, sondern die Angst vor einem erneuten Spannungspneu. Die Schmerzen liesen sich bekämpfen. Die Angst aber nicht. Das kennt hier wahrscheinlich jeder. Ich konnte trotzdem nach 6 Wochen das Novalgin absetzen und wollte wieder joggen gehen. Bei dickem Schnee und Minusgraden ;) Resultat: Eine dicke Bronchitis. Danach meldete sich auch mein verloren geglaubtes Asthma zurück, das mich von da ab wieder begleitete.

Ab da befand ich mich ein einem stetigen Auf und Ab. Die Schmerzen wurden zwar weniger aber der Kopf gaukelte mir immer wieder einen neuen Pneu vor. Ich glaub ich war an die 8 mal bei der Nachkontrolle. Teilweise mit Röntgen. Mir fehlte einfach das Vertrauen in meinen Körper. Das war nach dem Pneu komplett verschwunden.
Irgendwann hatte ich einfach nur noch die Schnauze von mir selbst voll. Ich wollte nicht mit 26 schon nach dem Einkaufen an meiner Belastungsgrenze sein und jeden Tag Schmerzen haben, wenn ich nur eine Kiste mit 5kg hebe.

Ich beschloss wieder mit dem Laufen zu beginnen. Das war 6 Monate nach der OP. Angefangen mit 500 m :) Laufen war eine Qual. Das Atmen unter Belastung war extrem schmerzhaft und nach dem Sport schmerzte der komplette Oberkörper. Das brachte mich immer wieder zum Abbrechen meines Vorhabens. Zwar war ich psychisch wieder stabiler, aber wer hat schon gerne jedes Mal starke Schmerzen nach dem Sport die einige Tage anhalten. Nach einiger Zeit fasste ich für mich den Mut und probierte es wieder. Jeden 2ten Tag ging ich laufen. Egal welches Wetter, egal wie stark die Schmerzen wurden, ich wollte und ich musste da durch. Für mich selbst. Nach einigen Wochen wurden die Schmerzen zu meiner Überraschung immer weniger und nach 2 Monaten konnte ich endlich wieder schmerzfrei laufen. Ich sag euch, das Gefühl war herrlich :) Es war ungeheuer behebend gegen meinen Schweinehund und gegen die Schmerzen gesiegt zu haben. Trotzdem war ich noch nicht ganz schmerzfrei wenn ich etwas "schweres" heben musste etc...
Besonders fies war zu Trainingsbeginn der Gedanke: "Vllt. hat der Sport die Lunge wieder kollabieren lassen und daher kommt der Schmerz". Das ist glaub ich der Klassiker schlechthin :mrgreen: Natürlich noch Kopfkino. Genauso wie Vibrationen beim Atmen etc... Kennt ja jedes Pneuopfer.

Beflügelt von dem Erfolg beim laufen beschloss ich mit Krafttraining anzufangen. Auf das Anraten meiner Frau fragte ich meinen Lungenfacharzt und der riet mir ab. Zu starker Druck für die Lunge. Meine Frau war dann natürlich auch nicht mehr von meiner Idee begeistert. Ich habs trotzdem gemacht :mrgreen: Ganz langsam hab ich angefangen. Mit einer Liegestütze am Tag. Jeden Tag eine mehr. Die Schmerzen danach waren jedes mal bitter. Viel stärker wie nach dem Laufen. Aber das weckte den Kampfgeist. Ich wollte es wieder schaffen gegen mich selbst zu gewinnen. Meine Angst vor einem Rückfall und den alten Selbstmitleid entgültig zu besiegen.

Jetzt trainiere ich jeden zweiten Tag. 10km Laufen oder Krafttraining. Ich kann alles wieder machen. Kniebeugen, Dips, Klimmzüge, Kurzhantelübungen etc... ich bin fitter wie vor dem Pneu, meine Asthmamedikamente habe ich abgesetzt und bei einem Arzt war ich schon lange nicht mehr. Und da will ich auch nicht mehr hin ;)

Ich habe wieder eine Lebensqualität wie vor dem Pneu und auch keine Angst mehr. Vergessen werde ich das Gefühl der Angst, dass ich damals in der Nacht des Pneus hatte, allerdings nie. Sie gehört zu meinem Leben dazu, aber sie dominiert mich nicht mehr. Im Gegenteil.

Ich möchte allen Pneuopfern Mut machen, dass es wieder wird, wenn man kämpft, an sich glaubt und nicht aufgibt. Ich war damals auch desillusioniert und dachte ich würde nie wieder fit werden. Das größte Problem nach einem Pneu ist der eigene Kopf, die Angst und der jämmerliche Selbstmitleid. Da kann einem leider kein Arzt helfen. Die drei muss man selbst mit viel Geduld besiegen. Und das geht :) Der Mensch kann viel mehr leisten als er denkt im Stande zu sein.

Das motiviert mich jeden Tag auf neue. Auch jetzt noch beim Sport, im Studium und im alltäglichen Leben.
Der Pneu hat mich gelehrt das Leben zu genießen. Das Erlebte hat mir eine größere innere Ruhe gegeben, aber keine Gleichgültigkeit. Ich würde fast sagen, es hat den Blickwinkel auf das Leben geändert. Zum Positiven.

Geblieben ist nur noch ein seltenes Zwicken und hin und wieder "Lungenkribbeln" beim Atmen im Bereich der Verwachsungen. Außerdem ist die Brust teilweise taub. Aber das fällt mir im Alltag nicht mehr auf.

Re: Meine Erfahrung mit dem Spannungspneumothorax

Verfasst: Sonntag 8. Juli 2012, 20:06
von Elvira
Hallo,

ich habe eben deinen Erfahrungsbericht gelesen und bin richtig positiv gestimmt. Das tut so gut, das zu lesen, dass so ein Schock-Erlebnis eben auch einen guten Weg einleiten kann. So ähnlich war das bei mir auch, das ist jetzt 17 Jahre her! 17 Jahre, in denen es kontinuierlich besser geworden ist. Es hat aber auch Jahre gebraucht, bis ich keinerlei Schmerzen mehr hatte, und ein gewisses "komisches" Gefühl ist immer noch in der Region. Aber solch ein Bericht zeigt doch wieder, dass auch nach mehreren Pneumos Gesundung möglich ist und sogar wahrscheinlich, auch wenn es oft ein langer Weg sein mag.
Also, vielen Dank nochmal !

Alles Gute weiterhin, Elvira